Film ohne Story

Film ohne Story

Wenn wir von Filmen ohne Story sprechen, meinen wir entweder filmische Werke, die sehr wenig Plot haben, oder solche, die überhaupt keinen Sinn ergeben. In beiden Fällen handelt es sich um handwerkliche Mängel.

Abgesehen von Experimentalfilmen gibt es kaum Filme, die auf eine Story komplett verzichten. Experimentalfilme (man spricht auch von Avantgardefilmen oder Kunstfilmen) suchen neue Ausdrucksmöglichkeiten, aber selbst sie wollen dem Zuschauer etwas mitteilen.

Man kann nicht nicht kommunizieren.
– PAUL WATZLAWICK

Grundlage jeder Story

Grundlage für jede Story ist Veränderung. Eine klassische Story hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Das bedeutet ein Konflikt wird eingeführt, ausgetragen und am Ende aufgelöst. Greifen diese Elemente nicht ineinander, hat der Zuschauer das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, dass etwas fehlt.

Die Elemente einer vollständigen Geschichte

Story-Vermeidungsstrategien

Um eine Story erzählen zu können, bedarf es einer klaren Erzählhaltung. Jeder Drehbuchautor vertritt bestimmte Werte. Er sieht die Welt auf eine bestimmte Art und Weise und versucht seine Weltsicht mit einer Filmgeschichte auszudrücken. Die Erzählhaltung ist uns in der Postmoderne abhanden gekommen. Postmodern heißt, bekannte Strukturen aufzulösen oder sogar einzureißen. Postmoderne Werke spielen mit den Formen – und das durchaus meisterhaft –, aber sie sind letzten Endes inhaltsleer. Eine ganze Reihe an Story-Vermeidungsstrategien sorgen nun für immer mehr Filme ohne Inhalte.

Filme ohne Story sind inhaltsleer

Riesige Ensembles statt Figurentiefe

Wenn es sehr viele Figuren gibt und sehr viele Storylines, kann der Film alles immer nur anreißen. Er braucht nicht in die Tiefe gehen und er muss keine Figur näher betrachten – dafür bleibt gar keine Zeit. Der Film wirft also jede Menge verwirrender Nebelkerzen aus, um von der nicht existierenden Story abzulenken (insbesondere DC-Filme wie SUICIDE SQUAD leiden darunter).

Action statt Plot

Wenn die Figuren ständig etwas „Wichtiges“ zu tun haben und der Film schnell genug schneidet, kann er den Zuschauer bis zum Ende mit einem einzigen Effektfeuerwerk ablenken. Gibt es eine Actionszene nach der anderen, ohne Atempause, hat das Publikum gar keine Zeit, um über den Handlungsverlauf nachzudenken (wie in den TRANSFORMERS-Filmen).

Rätselraten statt Konflikt

Wenn der Film viele Fragen stellt, aber dem Zuschauer weismacht, dass sie in der Fortsetzung eine Antwort finden, dann muss er sich nicht seinen eigenen Konflikten stellen. Das geht so lange gut, bis eine Filmserie zum Abschluss gebracht werden muss – und selbst bei einer grandiosen Auflösung werden viele Widersprüchen übrig bleiben. Der wichtigste Vertreter dieser Strategie ist JJ Abrams mit seiner Idee der Mystery-Box (zur Anwendung gebracht in der Serie LOST oder STAR WARS: THE FORCE AWAKENS).

Die Story wird zur Mystery-Box

Nostalgie statt Präsenz

Eine der größten Vermeidungsstrategien ist das Festhalten an bestehenden Storys, die einmal gut funktioniert haben. Das Füttern des Zuschauers mit nostalgischen Momenten und ikonischen Bildern funktioniert zu einem gewissen Grad sehr gut, weil sie ihn an die schöne Vergangenheit erinnern. Ohne Story in der Gegenwart hält das aber längerfristig nicht an. Die Bilder werden zu bloßen Abziehbildern, ihre Bedeutung wird von Film zu Film immer weiter verblassen.

Sequel & Prequel

Fortsetzungen gibt es schon seit Anbeginn der Zeit, aber sie funktionieren nur, wenn sie sich vom Original lösen, um etwas Neues beizutragen. Positive Beispiele sind ALIENS oder TERMINATOR 2. In der Fortsetzung eines erfolgreichen Films wird oft auf den ersten Teil und seine tollsten Momente verwiesen, ohne eine eigene Geschichte zu entwickeln. Die Story hangelt sich meist an der vorgefertigen Struktur entlang und geht dadurch auf Nummer sicher.

Im Prequel geht es bei jedem Moment darum, auf die originale Geschichte hinzuführen. Das gibt Gelegenheit für eine dramatische Ironie, die das Sequel so nicht hat, aber im Endeffekt wird das gleiche Muster abgespult. Ein positives Prequel-Beispiel ist X-MEN: FIRST CLASS.

Soft Reboot

Neben dem Remake und dem Reboot gibt es noch den Soft Reboot. Soft Reboots sind die Verwirklichung des Ausdrucks „Wasch mich, aber mach mich nicht nass“. Man spricht auch vom Remakequel oder Rebootquel, weil hier ein Franchise gleichzeitig neu gestartet und doch wieder die gleiche Story erzählt wird. Es ist also nichts weiter als ein Recycling des alten Materials in neuem Gewand (zum Beispiel SUPERMAN RETURNS oder STAR TREK).

Film mit Story

Egal wie gut gemacht ein Film auf den ersten Blick wirkt, Unterhaltung im Moment alleine reicht nicht aus. Der Film darf nach dem Kinobesuch, wenn man ein wenig nachdenken kann, nicht einfach wie ein Kartenhaus in sich zerfallen. Ein guter Film ist ein Film mit Story, denn die Story sorgt für Nachhaltigkeit. Filme können viele Figuren haben, actionreiche Spektakel bieten und mysteriöse Geschehnisse vor uns ausbreiten, egal ob sie in einem vollkommen neuen Universum spielen oder nicht. Aber sie müssen uns etwas Sinnvolles erzählen. Nur so werden sie den Test der Zeiten überstehen.

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Sven Eric

Ein paar Worte zu mir: Als Autor-Regisseur schreibe ich meine eigenen Geschichten. Für Schüler habe ich das eBook Die ultimative Lektürehilfe als Lernhilfe verfasst. Außerdem gebe ich Schreibseminare und Filmworkshops.